Buchhaltung lernen

Bilanzanalyse

Bilanzkennzahlen einfach erklärt

Bilanzkennzahlen verdichten eine ganze Bilanz auf wenige Prozentwerte. Sie zeigen dir, wie ein Unternehmen finanziert ist, wie viel Vermögen langfristig gebunden ist und ob es seine Rechnungen pünktlich zahlen kann. Hier findest du alle wichtigen Kennzahlen mit Formel, Fundstelle und einer durchgerechneten Beispielbilanz, so wie sie im österreichischen Rechnungswesen-Unterricht an HAK und HLW verlangt werden.

Redaktion Buchhaltung lernenRedaktion & Quellen
Bilanzkennzahlen in einem Satz

Bilanzkennzahlen setzen zwei Werte aus Bilanz, Anlagenspiegel oder GuV ins Verhältnis, damit du Vermögensaufbau, Finanzierung und Zahlungsfähigkeit eines Unternehmens auf einen Blick beurteilen und mit anderen Jahren oder Betrieben vergleichen kannst.

Alle Bilanzkennzahlen auf einen Blick

Die Tabelle fasst die Kennzahlen dieser Seite zusammen. Die Prozentwerte rechts sind Faustregeln, keine Grenzwerte: Was gut ist, hängt stark von Branche, Unternehmensgröße und Geschäftsmodell ab. Aussagekräftig wird eine Kennzahl erst im Vergleich, mit dem Vorjahr oder mit ähnlichen Betrieben.

KennzahlFormelAussageRichtwert / Interpretation
AnlagenintensitätAnlagevermögen ÷ Gesamtvermögen × 100Wie viel Vermögen ist langfristig gebunden?Branchenabhängig: Dienstleister oft unter 30 %, Industrie oft über 50 %
AbschreibungsquoteJahresabschreibung abnutzb. SAV ÷ Ø abnutzb. SAV zu AK/HK × 100Wie schnell wird das Sachanlagevermögen abgeschrieben?Kein Zielwert; ergibt die rechnerische Nutzungsdauer
Abschreibedauer100 ÷ AbschreibungsquoteDurchschnittliche Nutzungsdauer in JahrenMaschinenlastig eher 5–10 Jahre, gebäudelastig deutlich länger
SachanlagenabnutzungsgradKumulierte Abschreibungen ÷ abnutzb. SAV zu AK/HK (31.12.) × 100Wie alt bzw. verbraucht sind die Anlagen?Über etwa 70 % kündigen sich Ersatzinvestitionen an
Umschlagshäufigkeit DebitorenUmsatzerlöse inkl. USt ÷ Ø Forderungen L&LWie oft drehen sich die Kundenforderungen im Jahr?Je höher, desto schneller zahlen Kunden
Kundenziel (Umschlagsdauer)365 ÷ Umschlagshäufigkeit DebitorenNach wie vielen Tagen zahlen Kunden im Schnitt?Mit dem eingeräumten Zahlungsziel vergleichen
Umschlagshäufigkeit KreditorenMaterialeinkauf inkl. USt ÷ Ø Verbindlichkeiten L&LWie oft drehen sich die Lieferverbindlichkeiten?Sehr niedrige Werte können auf Zahlungsprobleme hinweisen
Lieferantenziel (Umschlagsdauer)365 ÷ Umschlagshäufigkeit KreditorenNach wie vielen Tagen zahlt das Unternehmen?Etwas länger als das Kundenziel ist ein Liquiditätsvorteil
EigenkapitalquoteEigenkapital ÷ Gesamtkapital × 100Finanzielle Unabhängigkeit und StabilitätUm 30 % gilt als solide, unter 10 % als Warnsignal
FremdkapitalquoteFremdkapital ÷ Gesamtkapital × 100Anteil der Schulden an der FinanzierungErgänzt die Eigenkapitalquote immer auf 100 %
VerschuldungsgradFremdkapital ÷ EigenkapitalEuro Schulden je Euro EigenkapitalUnter 1 komfortabel, 1 bis 3 häufig, deutlich darüber kritisch
Anlagendeckungsgrad IEigenkapital ÷ Anlagevermögen × 100Deckt das Eigenkapital das Anlagevermögen?100 % ist die strenge Idealform, in der Praxis selten
Anlagendeckungsgrad II(Eigenkapital + langfristiges Fremdkapital) ÷ Anlagevermögen × 100Ist langfristiges Vermögen langfristig finanziert?Mindestens 100 % (goldene Bilanzregel)
Liquidität 1. GradesFlüssige Mittel ÷ kurzfristiges Fremdkapital × 100Sofort verfügbare ZahlungskraftOft genannt: etwa 20 %; zu hoch heißt ungenutztes Geld
Liquidität 2. Grades(Flüssige Mittel + kurzfr. Forderungen) ÷ kurzfristiges Fremdkapital × 100Zahlungskraft inklusive KundenzahlungenFaustregel: mindestens 100 %
Liquidität 3. GradesKurzfristiges Umlaufvermögen ÷ kurzfristiges Fremdkapital × 100Zahlungskraft inklusive VorräteFaustregel: deutlich über 100 %, oft 120–200 % genannt
Lieber zum Anklicken?

In der interaktiven Kennzahlen-Übersicht stehen alle Formeln als Karten. Ein Klick auf das Fragezeichen öffnet Fundstelle, Interpretation und Prüfungstipp.

Was sind Bilanzkennzahlen?

Eine Bilanz enthält schnell dutzende Posten. Wer zwei Unternehmen oder zwei Jahre vergleichen will, braucht deshalb Verhältniszahlen. Genau das sind Bilanzkennzahlen: Sie teilen einen Wert durch einen anderen, zum Beispiel das Eigenkapital durch die Bilanzsumme. Weil das Ergebnis meist in Prozent angegeben wird, spielt die Größe des Unternehmens keine Rolle mehr.

Die Bilanzanalyse ordnet die Kennzahlen nach der Frage, die sie beantworten:

  • Anlagenanalyse (Vermögensstruktur): Wie ist die Aktivseite aufgebaut, und wie alt sind die Anlagen?
  • Umsatzanalyse: Wie schnell zahlen Kunden, und wie lange lässt sich das Unternehmen selbst Zeit?
  • Finanzierungsanalyse (Kapitalstruktur): Wie viel ist mit eigenem, wie viel mit fremdem Geld finanziert?
  • Anlagendeckung und Liquidität: Passen Fristigkeit von Vermögen und Kapital zusammen, und reicht das Geld für die kurzfristigen Schulden?

Die Ausgangswerte stammen aus dem Jahresabschluss nach dem Unternehmensgesetzbuch (UGB): der Bilanz mit der Gliederung nach § 224 UGB, dem Anlagenspiegel nach § 226 UGB, der Gewinn- und Verlustrechnung und dem Anhang. Für die Analyse wird die Bilanz meist zuerst aufbereitet: Posten werden zusammengefasst und das Fremdkapital wird nach Restlaufzeit in kurz- und langfristig geteilt.

Die Beispielbilanz für alle Rechnungen

Alle Rechnungen auf dieser Seite verwenden dasselbe Produktionsunternehmen. Die Beträge sind in Tausend Euro (TEUR) angegeben. Es sind dieselben Ausgangswerte wie in der interaktiven Kennzahlen-Übersicht, ergänzt um die Aufteilung von Umlaufvermögen und Fremdkapital, die du für Anlagendeckung und Liquidität brauchst.

AktivaTEURPassivaTEUR
A. Anlagevermögen6.810A. Eigenkapital4.036
B. Umlaufvermögen5.962Langfristiges Fremdkapital
(Darlehen, langfristige Rückstellungen)
4.736
  davon Vorräte2.300Kurzfristiges Fremdkapital
(Lieferverbindlichkeiten, kurzfristige Rückstellungen, sonstige)
4.000
  davon kurzfristige Forderungen2.462  
  davon Kassa und Bank1.200  
Bilanzsumme12.772Bilanzsumme12.772

Zusatzangaben aus Anlagenspiegel, GuV und Anhang:

Angabe und QuelleTEUR
Jahresabschreibung auf abnutzbares Sachanlagevermögen
Quelle: Anlagenspiegel
1.300
Abnutzbares Sachanlagevermögen zu AK/HK, 31.12. Vorjahr
Quelle: Anlagenspiegel, Anhang
11.902
Abnutzbares Sachanlagevermögen zu AK/HK, 31.12. laufendes Jahr
Quelle: Anlagenspiegel, Anhang
12.510
Kumulierte Abschreibungen auf abnutzbares Sachanlagevermögen, 31.12.
Quelle: Anlagenspiegel
8.306
Umsatzerlöse netto (steuerpflichtig im Inland)
Quelle: GuV, Anhang
20.475
Ø Forderungen aus Lieferungen und Leistungen inkl. pauschaler Wertberichtigung
Quelle: Bilanz, Anhang
2.026
Materialeinkauf netto (Materialeinsatz + Lageraufbau Rohstoffe)
Quelle: GuV, Bilanz
11.560
Ø Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen
Quelle: Bilanz
1.262

Anlagenanalyse: Anlagenintensität, Abschreibungsquote und Abnutzungsgrad

Die Anlagenanalyse schaut auf die Aktivseite. Sie fragt, wie viel Vermögen langfristig im Betrieb steckt und wie stark dieses Vermögen schon abgenutzt ist. Die Abschreibungswerte dafür findest du im Anlagenspiegel; wie die Jahresabschreibung selbst entsteht, erklärt die Seite lineare Abschreibung berechnen.

Anlagenintensität berechnen

Anlagenintensität = Anlagevermögen ÷ Gesamtvermögen (Bilanzsumme) × 100

Beispiel: 6.810 ÷ 12.772 × 100 = 53,3 %

Mehr als die Hälfte des Vermögens ist langfristig gebunden. Für einen Produktionsbetrieb ist das typisch. Das Gegenstück ist die Umlaufintensität: 5.962 ÷ 12.772 × 100 = 46,7 %. Beide ergeben zusammen 100 %.

Interpretation: Eine hohe Anlagenintensität bedeutet eine starre Kostenstruktur. Abschreibungen, Zinsen und Instandhaltung fallen an, egal wie gut das Geschäft läuft. Dienstleister liegen oft unter 30 %, kapitalintensive Industrien teils über 60 %. Die Werte liest du direkt von der Aktivseite ab, ein Anlagenspiegel ist nicht nötig.

Abschreibungsquote und Abschreibedauer

Abschreibungsquote = Jahresabschreibung auf abnutzbares SAV ÷ Ø abnutzbares SAV zu AK/HK × 100
Abschreibedauer = 100 ÷ Abschreibungsquote

Schritt 1, Durchschnitt bilden: (11.902 + 12.510) ÷ 2 = 12.206

Schritt 2, Quote: 1.300 ÷ 12.206 × 100 = 10,65 %

Schritt 3, Dauer: 100 ÷ 10,65 = rund 9,4 Jahre

Interpretation: Jedes Jahr werden gut 10 % der Anschaffungskosten abgeschrieben, die Anlagen halten rechnerisch also gut neun Jahre. Daraus kannst du abschätzen, wann Ersatzinvestitionen anstehen. SAV steht für Sachanlagevermögen, AK/HK für Anschaffungs- oder Herstellungskosten.

Achtung, nur abnutzbares Vermögen: Grund und Boden wird nicht planmäßig abgeschrieben. Grundwerte, geleistete Anzahlungen und Anlagen in Bau gehören deshalb nicht in den Nenner. Die Grundwerte findest du meist im Anhang.

Sachanlagenabnutzungsgrad

Abnutzungsgrad = kumulierte Abschreibungen auf abnutzbares SAV ÷ abnutzbares SAV zu AK/HK am 31.12. × 100

Beispiel: 8.306 ÷ 12.510 × 100 = 66,4 %

Die Sachanlagen sind zu rund zwei Dritteln abgeschrieben. Ihr Buchwert beträgt nur noch 12.510 − 8.306 = 4.204 TEUR.

Interpretation: Je höher der Abnutzungsgrad, desto älter der Anlagenbestand. Werte über etwa 70 bis 75 % gelten als Hinweis, dass bald größere Investitionen nötig werden. Ein Wert unter 30 % deutet auf junge Anlagen hin. Wichtig: Im Nenner steht hier der Stichtagswert, kein Durchschnitt.

Umsatzanalyse: Umschlagshäufigkeit von Forderungen und Verbindlichkeiten

Die Umsatzanalyse verbindet Bilanz und GuV. Sie zeigt, wie lange Geld in offenen Kunden- und Lieferantenkonten steckt. Die Umschlagshäufigkeit sagt, wie oft sich ein Bestand im Jahr erneuert; die Umschlagsdauer rechnet das in Tage um.

Umschlagshäufigkeit der Debitoren und Kundenziel

Umschlagshäufigkeit Debitoren = Umsatzerlöse inkl. USt ÷ Ø Forderungen aus L&L (inkl. pauschaler Wertberichtigung)
Kundenziel in Tagen = 365 ÷ Umschlagshäufigkeit

Schritt 1, Umsatz brutto: 20.475 × 1,20 = 24.570

Schritt 2, Umschlagshäufigkeit: 24.570 ÷ 2.026 = 12,1-mal

Schritt 3, Kundenziel: 365 ÷ 12,1 = rund 30 Tage

Interpretation: Kunden zahlen im Schnitt nach 30 Tagen. Das entspricht einem üblichen Zahlungsziel. Deutlich längere Dauern binden Geld und erhöhen das Risiko, dass Forderungen ausfallen.

Umschlagshäufigkeit der Kreditoren und Lieferantenziel

Umschlagshäufigkeit Kreditoren = Materialeinkauf inkl. USt ÷ Ø Verbindlichkeiten aus L&L
Lieferantenziel in Tagen = 365 ÷ Umschlagshäufigkeit

Schritt 1, Einkauf brutto: 11.560 × 1,20 = 13.872

Schritt 2, Umschlagshäufigkeit: 13.872 ÷ 1.262 = 11,0-mal

Schritt 3, Lieferantenziel: 365 ÷ 11,0 = rund 33 Tage

Interpretation: Das Unternehmen zahlt seine Lieferanten nach etwa 33 Tagen, bekommt sein eigenes Geld aber schon nach 30 Tagen. Das ist ein kleiner Liquiditätsvorteil. Ein sehr langes Lieferantenziel kann dagegen bedeuten, dass das Geld knapp ist oder dass Skonto verschenkt wird.

Materialeinkauf richtig ermitteln: Materialeinsatz laut GuV plus Lageraufbau bei den Rohstoffen. Nur Rohstoffe zählen, Bestandsveränderungen bei fertigen und unfertigen Erzeugnissen gehören nicht dazu.

Finanzierungsanalyse: Eigenkapitalquote, Fremdkapitalquote und Verschuldungsgrad

Die Finanzierungsanalyse schaut auf die Passivseite. Sie beantwortet die Frage, die auch Banken zuerst stellen: Wie viel eigenes Geld steckt im Unternehmen? Alle drei Kennzahlen kannst du direkt aus der Bilanz ablesen.

Eigenkapitalquote berechnen

Eigenkapitalquote = Eigenkapital ÷ Gesamtkapital (Bilanzsumme) × 100

Beispiel: 4.036 ÷ 12.772 × 100 = 31,6 %

Interpretation: Knapp ein Drittel des Vermögens ist mit eigenem Geld finanziert. Je höher die Eigenkapitalquote, desto besser kann ein Unternehmen Verluste auffangen und desto unabhängiger ist es von Gläubigern. Als grobe Orientierung gelten Werte um 30 % als solide, über 50 % als sehr stabil und unter 10 % als kritisch. Branchenvergleiche sind trotzdem unverzichtbar.

Fremdkapitalquote

Fremdkapitalquote = Fremdkapital ÷ Gesamtkapital × 100
Fremdkapital = Rückstellungen + Verbindlichkeiten (schneller: Bilanzsumme − Eigenkapital)

Beispiel: 12.772 − 4.036 = 8.736; 8.736 ÷ 12.772 × 100 = 68,4 %

Kontrolle: 31,6 % + 68,4 % = 100 %

Verschuldungsgrad

Verschuldungsgrad = Fremdkapital ÷ Eigenkapital

Beispiel: 8.736 ÷ 4.036 = 2,16

Auf jeden Euro Eigenkapital kommen 2,16 Euro Schulden. Gegenprobe: 68,4 ÷ 31,6 ≈ 2,16.

Interpretation: Der Verschuldungsgrad ist ein reiner Faktor ohne Prozentzeichen. Werte unter 1 gelten als komfortabel, Werte zwischen 1 und 3 sind bei Produktionsbetrieben häufig, deutlich höhere Werte machen das Unternehmen anfällig für steigende Zinsen.

Österreich-Bezug: das URG

Das Unternehmensreorganisationsgesetz (URG) verwendet zwei Kennzahlen als Frühwarnsystem: die Eigenmittelquote und die fiktive Schuldentilgungsdauer. Liegt die Eigenmittelquote unter 8 % und die fiktive Schuldentilgungsdauer über 15 Jahren, wird ein Reorganisationsbedarf vermutet. Die Eigenmittelquote nach URG ist ähnlich, aber nicht identisch mit der Eigenkapitalquote aus dem Unterricht.

Bilanz verstehen, bevor du sie analysierst

In der App baust du Bilanz und GuV Schritt für Schritt selbst auf, mit Buchungssätzen und sofortigem Feedback.

Anlagendeckung und goldene Bilanzregel

Die Anlagendeckung verbindet beide Bilanzseiten. Die Idee dahinter heißt Fristenkongruenz: Was lange im Unternehmen bleibt, soll auch mit Geld finanziert sein, das lange bleibt. Eine Maschine, die neun Jahre läuft, sollte nicht mit einem Kredit bezahlt werden, der in drei Monaten fällig ist.

Anlagendeckungsgrad I

Anlagendeckungsgrad I = Eigenkapital ÷ Anlagevermögen × 100

Beispiel: 4.036 ÷ 6.810 × 100 = 59,3 %

Das Eigenkapital deckt das Anlagevermögen nur zu gut der Hälfte. Das ist für sich noch kein Problem, wenn langfristiges Fremdkapital den Rest übernimmt.

Anlagendeckungsgrad II

Anlagendeckungsgrad II = (Eigenkapital + langfristiges Fremdkapital) ÷ Anlagevermögen × 100

Beispiel: (4.036 + 4.736) ÷ 6.810 × 100 = 8.772 ÷ 6.810 × 100 = 128,8 %

Das Anlagevermögen ist vollständig langfristig finanziert, darüber hinaus sogar ein Teil des Umlaufvermögens. Die goldene Bilanzregel ist erfüllt.

Goldene Bilanzregel: Anlagendeckungsgrad II mindestens 100 %. Liegt er darunter, ist ein Teil der Anlagen kurzfristig finanziert, und das Unternehmen muss laufend neue Kredite aufnehmen, um alte zu bedienen.

Liquiditätsgrade: Liquidität 1., 2. und 3. Grades

Liquiditätskennzahlen vergleichen kurzfristig verfügbares Vermögen mit den Schulden, die bald fällig werden. Sie sind Stichtagswerte und sagen deshalb nur, wie die Lage am Bilanzstichtag war. Wie sich das Geld über das Jahr bewegt hat, zeigt erst die Kapitalflussrechnung.

KennzahlRechnung im BeispielErgebnis
Liquidität 1. Grades (Barliquidität)1.200 ÷ 4.000 × 10030,0 %
Liquidität 2. Grades (Einzugsliquidität)(1.200 + 2.462) ÷ 4.000 × 10091,6 %
Liquidität 3. Grades (Umsatzliquidität)5.962 ÷ 4.000 × 100149,1 %

Interpretation: Mit Kassa und Bank allein kann das Unternehmen 30 % der kurzfristigen Schulden sofort bezahlen. Rechnet man die Kundenforderungen dazu, sind es 91,6 %, also knapp unter der häufig genannten Marke von 100 %. Erst mit den Vorräten ist die Deckung klar gegeben. Das ist kein Alarmzeichen, aber ein Grund, Kundenziel und Lagerbestände im Auge zu behalten.

Verwandt ist das Working Capital: kurzfristiges Umlaufvermögen minus kurzfristiges Fremdkapital, hier 5.962 − 4.000 = 1.962 TEUR. Ein positiver Wert heißt, dass die kurzfristigen Schulden durch kurzfristiges Vermögen gedeckt sind.

Bilanzkennzahlen berechnen in vier Schritten

Schritt 1Bilanz aufbereiten

Posten zusammenfassen, Fremdkapital nach Restlaufzeit in kurz- und langfristig teilen und die Bilanzsumme auf beiden Seiten prüfen.

Schritt 2Zusatzwerte sammeln

Abschreibungen und AK/HK aus dem Anlagenspiegel, Umsatz und Materialaufwand aus der GuV, Aufteilungen aus dem Anhang.

Schritt 3Formel ansetzen und rechnen

Formel zuerst hinschreiben, dann Werte einsetzen. Durchschnitt oder Stichtag? Netto oder brutto? Das entscheidet die Formel.

Schritt 4In einem Satz deuten

Jede Zahl braucht eine Aussage: Was bedeutet der Wert, ist er gut oder kritisch, und womit vergleichst du ihn?

Typische Fehler bei Bilanzkennzahlen

  • Netto und brutto vermischt: Forderungen und Lieferverbindlichkeiten enthalten Umsatzsteuer. Umsatz und Einkauf müssen deshalb mit 1,20 hochgerechnet werden, sonst wird die Umschlagsdauer zu lang.
  • Pauschale Wertberichtigung vergessen: Sie wird in der Bilanz von den Forderungen abgezogen, gehört für die Debitoren-Kennzahl aber wieder dazu.
  • Durchschnitt statt Stichtag (und umgekehrt): Die Abschreibungsquote rechnet mit dem Durchschnitt aus Vorjahr und laufendem Jahr, der Abnutzungsgrad nur mit dem Wert am 31.12.
  • Grund und Boden im Nenner: Nicht abnutzbares Vermögen verfälscht Abschreibungsquote und Abnutzungsgrad.
  • Jahres- statt kumulierte Abschreibung: Für den Abnutzungsgrad zählen alle Abschreibungen seit der Anschaffung.
  • Fremdkapital nicht nach Fristen geteilt: Ohne Aufteilung in kurz- und langfristig lassen sich Anlagendeckung II und Liquidität nicht rechnen.
  • Verschuldungsgrad in Prozent angegeben: Er ist ein Faktor, also 2,16 und nicht 216 %.
  • Zahl ohne Deutung: In Prüfungen gibt die Interpretation oft genauso viele Punkte wie die Rechnung.

Prüfungstipps für HAK, HLW und Matura

  • Kontrollsummen nutzen: Eigenkapitalquote plus Fremdkapitalquote ergibt immer 100 %, Anlagen- plus Umlaufintensität ebenso.
  • Gegenprobe beim Verschuldungsgrad: Fremdkapitalquote ÷ Eigenkapitalquote muss dasselbe ergeben wie Fremdkapital ÷ Eigenkapital.
  • Werte beschriften: Schreib zu jedem Zwischenergebnis, woher es stammt (Bilanz, Anlagenspiegel, GuV, Anhang). Das spart bei der Korrektur Punkte, falls ein Wert falsch abgelesen wurde.
  • Rundung nachvollziehbar halten: Wer mit 12,127 statt 12,1 weiterrechnet, kommt auf 30,1 statt 30,2 Tage. Beides ist richtig, solange erkennbar ist, wo gerundet wurde. Im Zweifel erst das Endergebnis runden.
  • Interpretation mit Vergleich: „31,6 % Eigenkapitalquote, gegenüber dem Vorjahr gestiegen, damit stabiler finanziert" ist eine vollständige Antwort. „31,6 % ist gut" ist es nicht.

Zum Üben der Grundlagen helfen dir die Seiten zu Saldo und Kontoabschluss, Rechnungsabgrenzung und Vorräten und Inventur, denn alle diese Posten landen am Ende in der Bilanz, die du analysierst.

Häufige Fragen zu Bilanzkennzahlen

Welche Bilanzkennzahlen sind am wichtigsten?

Für den Einstieg reichen fünf: Eigenkapitalquote, Verschuldungsgrad, Anlagenintensität, Anlagendeckungsgrad II und Liquidität 2. Grades. Sie beantworten die drei Grundfragen der Bilanzanalyse: Wie ist das Unternehmen finanziert, wie viel Vermögen ist langfristig gebunden und kann es seine kurzfristigen Schulden bezahlen?

Wie berechnet man die Eigenkapitalquote?

Eigenkapital geteilt durch Gesamtkapital (Bilanzsumme), mal 100. Bei 4.036 TEUR Eigenkapital und 12.772 TEUR Bilanzsumme ergibt das 31,6 %.

Was ist eine gute Eigenkapitalquote?

Einen festen Grenzwert gibt es nicht, weil die Quote stark von der Branche abhängt. Als grobe Orientierung gelten Werte um 30 % als solide und Werte unter 10 % als Warnsignal. Im österreichischen Unternehmensreorganisationsgesetz (URG) ist eine Eigenmittelquote unter 8 % zusammen mit einer fiktiven Schuldentilgungsdauer über 15 Jahren ein Hinweis auf Reorganisationsbedarf.

Was sagt die Anlagenintensität aus?

Die Anlagenintensität zeigt, welcher Anteil des Gesamtvermögens langfristig im Anlagevermögen gebunden ist. Ein hoher Wert ist typisch für Produktionsbetriebe und bedeutet hohe Fixkosten durch Abschreibungen und Zinsen. Dienstleister haben meist eine deutlich niedrigere Anlagenintensität.

Was ist der Unterschied zwischen Abschreibungsquote und Abnutzungsgrad?

Die Abschreibungsquote setzt nur die Abschreibungen des laufenden Jahres ins Verhältnis zum durchschnittlichen abnutzbaren Sachanlagevermögen zu Anschaffungskosten. Der Sachanlagenabnutzungsgrad setzt dagegen alle kumulierten Abschreibungen seit der Anschaffung ins Verhältnis zum Wert am Bilanzstichtag. Die Quote beschreibt das Tempo, der Abnutzungsgrad den bisherigen Verschleiß.

Warum rechnet man die Umschlagshäufigkeit der Forderungen mit dem Bruttoumsatz?

Weil die Forderungen aus Lieferungen und Leistungen in der Bilanz inklusive Umsatzsteuer stehen. Zähler und Nenner müssen vergleichbar sein, deshalb werden steuerpflichtige Inlandsumsätze mit 1,20 multipliziert. Dasselbe gilt für den Materialeinkauf bei den Lieferverbindlichkeiten.

Was besagt die goldene Bilanzregel?

Langfristig gebundenes Vermögen soll auch langfristig finanziert sein. Das Anlagevermögen soll also durch Eigenkapital und langfristiges Fremdkapital gedeckt sein. Der Anlagendeckungsgrad II sollte deshalb mindestens 100 % betragen.

Wo finde ich die Werte für die Bilanzkennzahlen?

Eigenkapital, Fremdkapital, Anlage- und Umlaufvermögen stehen direkt in der Bilanz nach § 224 UGB. Abschreibungen, kumulierte Abschreibungen und Anschaffungskosten stehen im Anlagenspiegel. Umsatzerlöse und Materialaufwand kommen aus der Gewinn- und Verlustrechnung, Aufteilungen wie Inlands- und Auslandserlöse oder Restlaufzeiten aus dem Anhang.

Weiter im Lernbereich

Du bist eingeloggt. Von hier kommst du direkt zurück zu deinen Lektionen und Übungen.

Bilanz und Kennzahlen sicher beherrschen

In der App übst du Buchungssätze, Abschluss, Bilanz und GuV mit sofortigem Feedback, passend für HAK, HLW und Buchhaltungsprüfungen.